Du hättest doch bloss fragen müssen

Viele Mütter werden es kennen – die mentale Last, die damit einhergeht, an alles zu denken, alles zu organisieren, nichts dem Zufall zu überlassen – das unsichtbare Familienmanagement des Alltages. Die mentale Dauerpräsenz oder die hundert offenen Tabs im Internetbrowser bzw. im Kopf.

Fragen über Fragen

Was kochen wir heute zum Mittagessen? Wo sind die anderen Schuhe? – Es wird kalt. Haben wir noch warme Kleider in der richtigen Grösse? Bis wann muss die Krankenkassenprämie verglichen und gekündigt werden? Was essen die Kinder gerade besonders gerne? Wann war noch mal der Termin beim Strassenverkehrsamt? Wo gehen wir heute auf den Spielplatz? Erinnerung: Arztpraxis anrufen, Paket zur Post bringen. Nächste Woche ist Räbeliechtliumzug. Wo findet man nochmals Räben und Schnitzwerkzeug? Braucht man das überhaupt? Diverse Mails sind noch unbeantwortet. Nächsten Mittwoch ist noch das Geburtstagsfest von … haben wir da schon ein Geschenk? Wann müssen wir nochmals dort sein?

Die Überforderung ist spürbar – sie steht stellvertretend für den Alltag vieler Mütter und Frauen. Zugleich betrifft diese Form der mentalen Arbeit auch Menschen ohne Kinder oder jenseits klassischer Familienstrukturen. Auch Väter können „default parent“ – zu Deutsch etwa das automatisch zuständige Elternteil – sein oder Männer, die Verantwortung übernehmen. Es geht letztlich darum, Muster sichtbar zu machen, denn strukturell betrifft diese ungleiche Verteilung nach wie vor überwiegend Frauen. Gemeint sind dabei selbstverständlich alle, die im Alltag die Hauptverantwortung tragen.

Du hättest doch bloss fragen müssen

Was lange als selbstverständlich und den Frauen in die Gene gelegt galt, trägt inzwischen auch einen soziologischen Begriff: Mental Load. Dazu zählt man jene unsichtbare, unbezahlte Arbeit, die das Planen, Organisieren und sich Erinnern umfasst – besonders im familiären oder häuslichen Kontext. 2017 befasste sich die französische Comiczeichnerin Emma Clit in einem Comic namens „You should have asked („Fallait demander“)“ mit dem Thema. Obwohl der Begriff Mental Load bereits seit den 80ern soziologisch bekannt ist, verhalf dieser Comic ihm zu massiv mehr Sichtbarkeit und machte ihn noch populärer.

Im Comic thematisiert die Zeichnerin die ungerechte Verteilung der Haushaltsarbeiten und skizziert zur Veranschaulichung diverse Alltagssituationen. Der Comic endet damit, dass der Mann seine Partnerin alles allein machen lässt und, als etwas schiefgeht, nur schulterzuckend kommentiert: „Du hättest doch bloss fragen müssen.“ Natürlich ist diese Szene überspitzt, doch sie traf auf grosse Resonanz – viele Frauen fühlten sich gesehen und verstanden.

Entscheidung um Entscheidung

Drei Monate vor der Ferienzeit: Jetzt müsste man sich darum kümmern. Etwas Bezahlbares muss früh gebucht werden. Die Rechnung vom letzten Autoservice ist noch offen. Haben wir noch Milch? Abfallsäcke müssten wir auch bald wieder ersetzen. Der Keller müsste endlich ausgemistet werden. Oh, die Sonne kommt. Jetzt wäre es schön, rauszugehen. Die Kinder waren heute noch nicht an der frischen Luft. Aber wenn wir jetzt rausgehen, bleibt die Wäsche liegen. Wie lange hat die Apotheke offen? Dort liegt schon lange etwas abholbereit. Das könnte man gleich noch verbinden mit … Ist die Dentalhygiene schon wieder fällig? Wann steht eigentlich die nächste Kinderarztkontrolle an?

Arbeiten, ohne es zu merken

Weil viele diese Abläufe verinnerlicht haben, merken sie kaum, dass dies auch Arbeit ist. Trotzdem kann diese permanente mentale Belastung und Verantwortung auf Dauer erschöpfen oder ins Burnout führen. Zur mentalen Belastung kommt für viele Mütter zusätzlich die tägliche Sorge- und Betreuungsarbeit hinzu. Die Kinder wollen getröstet werden, Antworten bekommen, gefüttert und gewaschen werden, Aufmerksamkeit bekommen, liebevoll begleitet, gehört und gesehen werden.

Verschiedene Währungen für unterschiedliche Arbeiten

In vielen Partnerschaften und Familien entsteht immer wieder ein stiller Wettstreit darum, wer den anstrengenderen Tag hatte. Diesem Streit liegt oft die Annahme zugrunde, dass die Person, die ausser Haus arbeitet, mehr leistet als jene, die zuhause ist – schliesslich können durch ihr Einkommen auch die Rechnungen und die Miete bezahlt werden. Doch diese Diskussion ist oft verletzend und selten fruchtbar. Im Gegenteil – sie reisst nur noch mehr Gräben auf und verwandelt zwei Menschen in Konkurrenten, die eigentlich ein Team bilden sollten.

Es ist doch nicht die Frage, wer mehr leistet. Der springende Punkt ist vielmehr: Werden beide Seiten – beide notwendigen Beiträge für einen funktionierenden Familienalltag – die sichtbare, bezahlte sowie die unsichtbare, meist unbezahlte Arbeit – gleichermassen gesehen, geschätzt und anerkannt?

„Nur“ Mutter

Nebst der schweren Messbarkeit von Fürsorge- und Mentalarbeit ist ein weiterer wichtiger Punkt ihre weitestgehende Unsichtbarkeit. Dies einerseits im Familienkontext: „Was hast du denn den ganzen Tag gemacht, dass du müde bist?“ Sowie auch gesellschaftlich: „Sie ist ‚nur‘ Mutter, sie arbeitet nicht.“ So wundert es nicht, dass diese Arbeit unsichtbar bleibt. Sie findet ja auch zum grössten Teil zuhause und im Privaten statt, fernab von offiziellen Arbeitsräumen oder Anerkennungsmöglichkeiten.

Der grösste Wirtschaftssektor ist Sorgearbeit

Auch für unsere Gesellschaft scheint die mentale Arbeit ein blinder Fleck zu sein. Dies obwohl die Sorgearbeit, zu der Mental Load auch zählt, den grössten Wirtschaftssektor ausmacht. Die Fachhochschule Graubünden spricht davon, dass die Sorge- und Versorgungswirtschaft über 70 % aller geleisteten Arbeit umfasse. Care-Arbeit wird in der Forschung aufgrund ihres grossen Arbeitsvolumens deshalb oft als vierter Wirtschaftssektor bezeichnet. Trotzdem erhalten diese Arbeiten kaum Sichtbarkeit, Präsenz oder Aufmerksamkeit.

Unsere Wirtschaft funktioniert nur, weil – und solange – diese Arbeit geleistet wird – von Frauen, Müttern und anderen Hauptbetreuungspersonen.

Das Persönliche ist politisch

Es geht nicht darum, jemandem die Schuld zuzuschieben oder anzuprangern. Viele Paare und Familien finden sich in diesen Rollenverteilungen wieder – oft auch, wenn sie es sich ursprünglich anders vorgenommen und geplant hatten. Häufig fühlen sich die Paare dann schlecht: „Wir wollten es doch anders machen.“ Doch wie die feministische Aktivistin Carol Hanisch 1969 sagte: „Das Persönliche ist politisch.“

Darin können wir erkennen, dass das, was vermeintlich lediglich im familiären Rahmen passiert, im Kern eine gesellschaftliche Frage ist. Viele erleben das Gleiche, denken, dass es lediglich sie betrifft – aber es ist ein gesellschaftliches System, ein fehlerhaftes.

Nicht die betroffenen Personen sind schuld oder nicht schuld, sondern die Rollen, die ihnen automatisch zugeschrieben werden. Der Fokus sollte vielmehr darauf gelegt werden, den ausbeuterischen Mechanismus sichtbar zu machen, aufgrund dessen unsere Wirtschaft funktioniert. Diskussionen darüber, wer mehr oder weniger leistet im Haushalt oder auf der Arbeit, sind aufreibend, verletzend und oft auch nicht zielführend, da wir alle in gesellschaftlichen Strukturen agieren, die uns prägen und begrenzen.

So wird im Mikrokosmos Familie gegeneinander gekämpft, anstatt den Fokus darauf zu richten, sich gegenseitig zu sehen, zu schätzen und zu erkennen, dass der wahre Fehler in der Gesellschaft liegt und nicht in der Leistung oder Nichtleistung des Einzelnen. Vielleicht ist das die eigentliche Frage: Wie könnte eine Gesellschaft aussehen, in der Sorgearbeit mehr Wert, mehr Platz, mehr Sichtbarkeit bekommt?


Anmerkungen und Quellen:

  1. https://blog.fhgr.ch/blog/care-arbeit/
    „Der grösste Wirtschaftssektor ist die Care-Arbeit. Warum wir uns nicht nicht kümmern können.“

Anmerkung 1: Dieser Text schliesst an einen früher erschienenen Text an. Im Januar erschien in diesem Magazin der Text „Keine Sorge – oder doch?“, der ebenfalls Fürsorge-Arbeit thematisiert.

Anmerkung 2: Auf der Online-Plattform mal-ehrlich.ch kann der erwähnte Comic in deutscher Fassung gelesen werden. Das Portal hat die Rechte am Comic erworben und selbst übersetzt:
https://mal-ehrlich.ch/du-haettest-doch-bloss-fragen-muessen/